Hessentag 2026 in Fulda

Hessentag in Fulda

Fulda feiert Hessentag – feiere mit!

DRK FuldaGiebel BauWemagFörstinaBickhardt BauLotto HessenSiebertWerner Gruppe - Damian Werner

Hessentag 2026 in Fulda

Offizieller Medienpartner
Einblick bei Hessentags-Führung: Das war eine Fuldaerin, das war ein Fuldaer!

Anja Listmann mit Eva Lehmann – einem der vielen deportierten und ermordeten jüdischen Kinder. | Fotos: Jutta Hamberger


Teilen:

Spaziergang "Lebendige Spuren"

Einblick bei Hessentags-Führung: Das war eine Fuldaerin, das war ein Fuldaer!

Ohne sie wäre Fulda eine andere Stadt. Jüdinnen und Juden haben Fulda geprägt, denn bis zur NS-Zeit war jüdisches Leben selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft. Die Ausstellung "Lebendige Spuren" erzählt die Geschichte einiger jüdischer Fuldaer Persönlichkeiten. Wer waren sie, was taten sie, wie lebten sie – und welche Spuren hinterließen sie? Anja Listmann, die Kuratorin der Ausstellung, bietet während des Hessentags Führungen durch die Ausstellung an – O|N war dabei.

Religiös prägend

Anja Listmann hat eine sehr kluge Auswahl getroffen. Unter den vorgestellten Personen sind Frauen, Männer und Kinder. Manche hatten eine bedeutende Stellung in der Jüdische Gemeinde, andere nicht. Kaufleute und Lehrer, Ärzte und Unternehmer sind darunter, natürlich auch Ehefrauen und Mütter, die vielfach ihre Männer in deren Geschäften unterstützten. So gelingt es der Ausstellung, einen Querschnitt durch das reiche und vielfältige jüdische Leben Fuldas zu zeigen.

Am Stand Anja Listmanns an der Stadtpfarrkirche interessieren sich viele Menschen für Fuldas jüdische Geschichte.

Am Stand Anja Listmanns an der Stadtpfarrkirche interessieren sich vie…

Während Anja Listmann die Führung macht, betreut André König (Leiter VHS) den Stand.

Während Anja Listmann die Führung macht, betreut André König (Leiter V…

Rabbiner Michael Kahn prägte mehr als 40 Jahre das religiöse Leben Fuldas.

Rabbiner Michael Kahn prägte mehr als 40 Jahre das religiöse Leben Ful…

In der Mittelstraße, dort wo es hinauf zur ehemaligen Judengasse (heute: Am Stockhaus) geht, steht Rabbiner Dr. Michael Kahn. Mehr als 40 Jahre prägte er das religiöse Leben in Fulda. Er war orthodox, und er war streng – die Fuldaer Gemeinde war eine der wenigen orthodoxen jüdischen Gemeinden Deutschlands vor der NS-Zeit. Von Kahn hat sich ein Dokument zur Mikwe erhalten, das detailliert die Vorschriften der Benutzung beschreibt.

Ein prekäres Leben

Ganz in der Nähe steht die Silhouette von Anna Berkowicz. Sie war aus Polen gebürtig, eine sog. Ostjüdin, "und nein, sie hatte kein schönes Leben", erzählt Anja Listmann. Ostjuden unterschieden sich kulturell deutlich von den sog. Westjuden, also den Juden, die seit Jahrhunderten in Deutschland und anderen westlichen Ländern lebten. Meist sprachen sie nur jiddisch, waren arm und lebten streng religiös. Und wie das so ist, auch unter jüdischen Mitmenschen gab es Ausgrenzung. Westjuden hatten in der Regel gegenüber den Ostjuden Vorurteile. Die Westjuden waren wirtschaftlich sehr viel bessergestellt und sie waren assimiliert. Meist blieb man unter sich.

Am Stockhaus schützt das Band der Erinnerung den Platz, an dem einst die Synagoge stand.

Am Stockhaus schützt das Band der Erinnerung den Platz, an dem einst d…

Anna kam 1919 nach Fulda und arbeitete als Hausangestellte. Sie lernte Baruch Berkowicz kennen, auch er Ostjude und aus Polen stammend. Beide waren staatenlos – was damals wie heute rechtliche und soziale Unsicherheit bedeutete. Von Anna sind viele Adressen überliefert – immer wieder zog sie um, oft lebte sie zur Untermiete. Beide überlebten das NS-Regime nicht.

Anna Berkowicz, polnischstämmige Hausangestellte.

Anna Berkowicz, polnischstämmige Hausangestellte.

Iwan Möller arbeitete 19 Jahre als Pädagoge in Fulda.

Iwan Möller arbeitete 19 Jahre als Pädagoge in Fulda.

Dilla Feldmann kümmerte sich liebevoll um alte Menschen.

Dilla Feldmann kümmerte sich liebevoll um alte Menschen.

Und doch gibt es auch eine schöne Geschichte – erst vor wenigen Monaten meldete sich ein Verwandter von Baruch Berkowicz bei Anja, die erzählt: "Solche Geschichten passieren mindestens einmal im Monat. Meine Datenbank umfasst mehr als 15.000 jüdische Personen, und mein Ziel ist es, sie alle mit Fulda und der reichen jüdischen Geschichte hier zu verbinden." Wer Anja Listmann kennt, weiß – das wird ihr gelingen.

Lehren und Helfen

Die Geschichte Iwan Möllers ist die eines typischen Westjuden. 19 Jahre arbeitete der gebürtige Hamburger als Lehrer an der jüdischen Schule in Fulda. Seine Silhouette steht unweit der heutigen jüdischen Gemeinde an der von-Schildeck-Straße – und sollte eigentlich auch in Richtung Schule schauen. Leider kümmern sich die Leute auf der Baustelle daneben wenig darum und verstellen die Figur immer wieder. Möller muss ein exzellenter Pädagoge gewesen sein, und er hatte ein interessantes Hobby: Er stellte Wimpel her, Textilstreifen, mit denen die wertvollen Thorarollen geschützt werden. Sein Sohn Ernst Jakob führte diese Tradition weiter.

In diesem Gebäude befand sich einst das Jüdische Altenheim – hier arbeitete Dilla Feldmann.

In diesem Gebäude befand sich einst das Jüdische Altenheim – hier arbe…

Dr. Abraham Trepp steht in der Schlachthausgasse – wenige Meter die Gasse hinauf stand einst ein Jüdisches Hospital

Dr. Abraham Trepp steht in der Schlachthausgasse – wenige Meter die Ga…

Nicht weit von ihm entfernt steht die Silhouette Dina Feldheims – sie blickt auf ein Haus, in dem sie lange Jahre tätig war. Dina nämlich kümmerte sich um alte Menschen im Altersheim St. Lioba und später im jüdischen Altersheim in der von-Schildeck-Straße. Dina stammt aus einer alteingesessenen Fuldaer Familie – den Katzensteins. Einer ihrer Vorfahren ist der berühmte jüdische Mediziner Lipman Trepp, der 1497 nach Fulda kam. Dina, meist "Dilla" genannt, liebte es, Theater zu spielen – vermutlich sehr oft im "Deutschen Haus" in der Bahnhofstraße, dem zentralen Treffpunkt des jüdischen Gemeindelebens bis 1938.

Dr. Abraham Trepp ist ein Verwandter Dillas, er war auf Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde spezialisiert. Im Ersten Weltkrieg diente er im Lazarett Fulda und erhielt für seine Verdienste das Eiserne Kreuz. Seine Silhouette steht Am Doll, kurz bevor es in die Schlachthausgasse hineingeht. Dort nämlich war früher ein jüdisches Hospital. Trepp schaut hinüber zu Regina Eschwege – sie steht für die vielen, die ihre Heimat durch Deportation verloren.

Arm und reich

Am Gedenkort Alter Jüdischer Friedhof steht die Silhouette von Reginas Mann Gabriel Eschwege. Auch er zählt zu den Nachfahren des Arztes Lipmann Trepp. Er steht hier am ehemaligen Friedhof, weil mehr als 100 seiner Vorfahren hier beerdigt wurden – die Familie war mehr als 500 Jahre in Fulda ansässig. Wie Abraham Trepp kämpfte auch Gabriel Eschwege im Ersten Weltkrieg. Er war ein erfolgreicher Unternehmer und führte ein Geschäft für Maschinen und Werkzeuge.

Am Gedenkort Alter Jüdischer Friedhof steht die Silhouette Gabriel Eschweges – mehr als 100 seiner Vorfahren wurden hier beerdigt.

Am Gedenkort Alter Jüdischer Friedhof steht die Silhouette Gabriel Esc…

Auch Hermann Jacobsen war Unternehmer – seine Silhouette steht an der Christuskirche, gemeinsam mit der Dina Flörsheims. "Diese beiden stehen für reich und arm", erklärt Anja Listmann. Jacobsen besaß eine Weberei, die von seinem Vater 1827 gegründet worden war und hochwertige Damast- und Leinenstoffe herstellte. Und Jacobsen gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Rhönclubs, "was heute kaum noch einer weiß, weil sein Name in Vergessenheit geriet", so Anja Listmann.

Neben ihm steht Lina Flörsheim. Mit 27 Jahren wurde für sie eine Ehe arrangiert – aber glücklicherweise verliebten sich Lina und Julius ineinander und heirateten 1908. Sie führten gemeinsam ein Geschäft für Manufakturwaren. Als Julius im Ersten Weltkrieg fiel, versuchte Lina, das Geschäft weiterzuführen, musste es aber 1920 verkaufen. Sie schlug sich die nächsten Jahre mehr schlecht als recht durch. Eine ihrer Enkelinnen ist Ofra Givon, die – wie auch Michael Braunold und Ethan Bensinger – regelmäßig nach Fulda kommt und sich unglaublich darüber freut, ihre Großmutter unter den Silhouetten zu finden.

Zerbrechliche Kindheit

Ecke Heinrichstraße/Bahnhofstraße stehen schließlich die Geschwister Eva und Adolf Lehmann. Sie lebten in einer Erdgeschosswohnung in der Heinrichstraße 15. Direkt gegenüber war in der NS-Zeit die Gestapo-Außenstelle. Man mag sich gar nicht vorstellen, was die Kinder empfanden, wenn sie dort vorbeigingen. Eva und Adolf gelangten durch einen Kindertransport zunächst nach Belgien. Als dort 1940 die Deutschen einmarschierten, wurden beide nach Fulda zurückgebracht und 1941 in die Todeslager deportiert.

Hermann Jacobsen und Lina Flörsheim.

Hermann Jacobsen und Lina Flörsheim.

Adolf und Eva Lehmann – zuerst gerettet, dann doch deportiert.

Adolf und Eva Lehmann – zuerst gerettet, dann doch deportiert.

"An das Foto bin ich aus Zufall gekommen", erzählt Anja Listmann. "Gefunden wurde es im Brüsseler Staatsarchiv. Und warum dort? Weil die Kinder, die in die Züge nach Belgien gesetzt wurden, Ausweise benötigten, und dafür mussten Fotos angefertigt werden."

Neues Leben in der Fremde

Auf dem Bahnhofvorplatz schließlich steht die Silhouette Isfried Goldschmidts. Sein Vater Aaron war Viehhändler – der jüdische Viehmarkt war am Heinrich-von-Bibra-Platz. Isfried machte sich mit einem Großhandel für Leder und Maschinen selbständig. Sein Herz aber gehörte dem Sport. Als 1933 Juden aus den deutschen Sportvereinen ausgeschlossen wurden, gründete er in Fulda Bar Kochba, einen jüdischen Turn- und Sportclub, man spielte in der Liga Maccabi West. Isfried erhielt 1934 ein Visum für die USA und konnte ausreisen. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und konnte so seine Eltern in die USA holen.

Isfried Goldschmidt, Sportskanone aus Fulda.

Isfried Goldschmidt, Sportskanone aus Fulda.

Nach viel zu schnell vergangenen anderthalb Stunden verabschiedete Anja Listmann ihre begeisterte und wissbegierige Gruppe: "Merken Sie sich eine Person, denken Sie an ihn oder Sie, und vergessen Sie nie: Das war eine Fuldaerin oder ein Fuldaer." (Jutta Hamberger) +++